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Der Kaiser von Atlantis

Kammeroper von Viktor Ullmann

Spiel in einem Akt (1943)
Text von Peter Kien
Premiere am 17. Januar 2010

Zum letzten Mal am 08. Juni 2010

Mi 17.03.10 | 19:30–20:30 | Ballhof Eins

Der Kaiser von Atlantis 01 – © Christian BrachwitzDer Kaiser von Atlantis – © Christian BrachwitzDer Kaiser von Atlantis – © Christian BrachwitzDer Kaiser von Atlantis – © Christian BrachwitzDer Kaiser von Atlantis – © Christian Brachwitz

Lange hat Kaiser Overall von Atlantis sich vor der Welt verkrochen, jetzt kehren seine Lebensgeister zurück und münden in einen Schrecken erregenden Plan: Der »große, segensreiche Krieg aller gegen alle« ist es, den Overall verkünden lässt. Glorreicher Anführer dieses monströsen Feldzugs soll der Tod persönlich sein – doch der Tod weigert sich, mit Overall zu kollaborieren, er will selbst entscheiden, wann er wem das Leben raubt. Schon kurze Zeit später bekommt Overall zu spüren, dass der Sensenmann am längeren Hebel sitzt: Man meldet die eigentümliche Nachricht, dass das Sterben gestorben sei. Weder schwer verwundete Soldaten noch standrechtlich erschossene Widerständler seien umzubringen, der Tod trete einfach nicht ein. Overalls Pläne sind damit durchkreuzt, sein Krieg ist entwaffnet und ad absurdum geführt. Denn welchen Sinn hat eine Schlacht ohne Tote?

 

1942 wurde der tschechische Komponist Viktor Ullmann, Schüler von Arnold Schönberg und Assistent von Alexander Zemlinsky, ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo er über zwanzig Opern für die von der SS ins Leben gerufenen »kulturellen Vorzeigeprojekte« schrieb. Darunter auch »Der Kaiser von Atlantis«, ein Werk, das 1943 zu einem Libretto des ebenfalls inhaftierten Peter Kien entstand, jedoch nach der Generalprobe verboten wurde. Zu eindeutig waren die Parallelen zwischen dem größenwahnsinnigen Kriegstreiber Overall und der menschenverachtenden Politik Adolf Hitlers, zu offensichtlich die Bezüge zwischen dem Untergang des sagenumwobenen Atlantis und der Situation des Deutschen Reiches. Mit ihrem schlicht als »Spiel in einem Akt« bezeichneten Stück hatten Ullmann und Kien eine Moritat geschrieben, wie sie zynischer und desillusionierender nicht seinkonnte. Hoffnung ist in dieser Oper nur noch als Zerrbild existent – in der absurden Gestalt des streikenden Todes. In den wenigen Momenten, in denen der schützende Zynismus abgelegt wird, bricht die wahre Verzweiflung der Autoren durch. Dann etwa, wenn der Harlekin am Ende der Oper die Frage stellt: »Bin ich noch ein Mensch?«

 

Ullmann hatte durch sein künstlerisches Schaffen versucht, auch im KZ ein Mensch zu bleiben, doch Rettung gab es für ihn nicht. 1944 wurden er und Peter Kien in Auschwitz ermordet, »Der Kaiser von Atlantis«  kam erst 1975 zur Uraufführung. Mit dieser Oper, in der Stilelemente der Commedia dell‹Arte, des Kabaretts und des Jazz auf Versatzstücke der geistlichen Kantate und des Chorals treffen, ist uns ein Zeitdokument erhalten, das die Gräueltaten der Nationalsozialisten auf so scharfe und zugleich unpathetische Weise karikiert, dass es bis heute ins Mark trifft.

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