Verdis fast zwanzig Jahre umfassende Arbeit an seinem »Don Carlo« zeugt nicht zuletzt vom großen Interesse des Komponisten an der Komplexität der von ihm geschaffenen Figuren, an den vor allem in Schillers Vorlage propagierten humanistischen Idealen und den damit verbundenen politischen Dimensionen von Stoff und Handlung.
Denn das Spanien unter Philipp II. wird in Verdis Oper zum Sinnbild eines totalitären Staates, die Inquisition zum Urbild eines Systems der Spitzel und Denunzianten. Private Gefühle haben in dieser Ordnung keinerlei Chance auf Entfaltung, sondern werden rücksichtslos politischen Interessen untergeordnet. Ein offenes Wort ist schlichtweg lebensgefährlich. Über allem und jedem schwebt das Damokles-Schwert der Inquisition. Selbst der König wird innerhalb der festgefügten Machtordnung zum ausführenden Organ, am Ende überantwortet er sogar den eigenen Sohn dem Scharfrichter.
Ein derartiges System aber kann nur zur Deformation der in ihm lebenden Menschen führen. Begrifflichkeiten wie »Wahrheit« und »Lüge« verlieren ihre ursprüngliche Bedeutung, wenn »Wahrheit« den sicheren Tod und »Lüge« Schutz bedeuten kann. Der Bedrohung einer fortwährenden Bespitzelung gewahr, ändert sich notgedrungen auch das Verhalten der Menschen untereinander. Niemand traut seinem Gegenüber. Wer der eigenen zerbrechlichen Sicherheit gefährlich erscheint, wird denunziert und eliminiert. Freiheit, Liebe und Vertrauen sind die großen Utopien, denen sich jeder nur dann hingibt, wenn er sich unbeobachtet fühlt: Don Carlo träumt den Traum einer utopischen Liebe zu Elisabeth, Posa träumt von der Freiheit Flanderns – und selbst der scheinbar gefühllos agierende König Philipp sehnt sich nachts, allein und unbeobachtet, nach Liebe und menschlicher Wärme. Verdis Musik gesteht selbst dem über Leichen gehenden Herrscher eine ehrlich empfundene Sehnsucht zu, auch hier scheinen Begrifflichkeiten wie »Wahrheit« und »Lüge« nur mehr oberflächlich zu greifen. Gerade die in den Jahren 1882 – 84 entstandene, in Mailand uraufgeführte vieraktige Fassung des »Don Carlo« betont die klaustrophobische Ausweglosigkeit des die ganze Atmosphäre des Stückes im Verborgenen beherrschenden, letztlich gesichtslosen Machtapparates. Die Oper beginnt und endet im Kloster von San Yuste am Grab Karls V., Carlos Großvater. Und auch die Musik kehrt am Ende der Oper zurück zum Beginn, an dem ein unsichtbarer, bedrohlich wirkender Chor von der Bedeutungslosigkeit des Einzelnen und von angstvoller Unterwerfung spricht, der sich auch die Machthaber nicht entziehen können: »Karl der Fünfte ist nur noch Staub und Asche. Und seine stolze Seele zittert jetzt vor den Füßen des Herrn!«