»Das Musiktheater ist noch unterwegs. Das entscheidende Bedürfnis: Kommunikation. Neue menschliche Situationen suchen dringend ihren Ausdruck«, schrieb der italienische Komponist Luigi Nono im Jahre 1961 und umriss damit einen wesentlichen Impetus seines künstlerischen Schaffens. Seit Nono 1952 der kommunistischen Partei Italiens beigetreten war, verstand er seine Kunst als eine politisch engagierte, als ein »Ideentheater, das für menschliche Lebensbedingungen kämpft«.
So erweist sich auch sein Musiktheater Intolleranza 1960 als ein Werk, das die Ungerechtigkeiten der Zeit thematisiert: Zu Beginn steht eine Katastrophe – bei einem Bergwerksunglück wurden Menschen verschüttet und getötet. Ein Einzelner, der Emigrant, beschließt, aus den lebensbedrohlichen Arbeitsbedingungen auszubrechen und in seine Heimat zurückzukehren. Die Reise wird zu einem Weg der politischen Bewusstwerdung, denn der Emigrant begegnet anderen unterdrückten Menschen: Demonstranten, Gefangenen, Flüchtlingen – alle gequält und gefoltert. Die Konfrontation mit diesen Situationen politischer Intoleranz führt zur Erkenntnis, für eine bessere Welt kämpfen zu müssen.
Bergwerksunglücke in Belgien, der Krieg in Algerien, die Bedrohung durch die Atombombe und Umweltkatastrophen in der italienischen Po-Ebene: Nono griff für die inhaltliche Füllung des Werkes auf aktuelle, tagespolitische Ereignisse seiner Zeit zurück. Dabei verzichtete er auf eine lineare Dramaturgie und reihte die einzelnen Szenen eher assoziativ aneinander. Extreme Sprünge im Handlungsverlauf, die unpsychologische Behandlung der Figuren, der Rückgriff auf Texte verschiedenster Herkunft von Majakowski über Brecht bis hin zu Sartre brechen die narrativen Strukturen auf. Indem Raum, Szene, Musik und die Zuschauer kontrapunktisch miteinander verbunden werden, verschmelzen die theatralen Mittel zu einer neuen Form des Gesamtkunstwerks. Der gesangliche Habitus ist von großer Expressivität geprägt, die noch verstärkt wird durch die instrumentale Spannbreite, in der harsche Cluster auf sphärische Streicherklänge treffen, aggressives Schlagwerk auf fragile Holzbläser. Zu einem außergewöhnlichen klanglichen Ereignis wird das Werk aber insbesondere durch die eindrucksvollen Chorpartien, die den Gedanken des Kollektivs
musikalisch erfahrbar werden lassen.
Obwohl Intolleranza 1960, das Nono seinem Schwiegervater Arnold Schönberg widmete, mit vielen konkreten Bezügen im Entstehungsjahr verortet ist, weist es doch über seine Zeit hinaus und stellt auch 50 Jahre später zentrale Fragen an jeden politisch mündigen Menschen: Wie verhalte ich mich als Individuum im Rahmen eines Kollektivs? Passe ich mich an oder schere ich aus? Wo beginnt soziales Denken? Was heißt politisches Bewusstsein? Und: Wie sehen unsere Utopien heute aus?